Ich bin im Urlaub. Selten habe ich ihn mehr gebraucht als jetzt. Acht Jahre voller Arbeit liegen hinter mir. Ohne Wochenenden. Ohne Feiertage. Immer eine neue Idee. Immer irgendein Projekt. Verein gründen. Buch schreiben. Firma gründen. Immer Punk-Rock. Immer alles selber machen. Was die Welt nicht verbessert, ist nicht gut genug. Was keinen Unterschied macht, ist zu klein. Die Ansprüche an die eigene Arbeit utopisch.
So sind wir. Die neuen Macher*Innen der Kreativmedienwelt. Wir feiern die CaseyNeistatsKliemänner der Branche. DO MORE! MAKE IT COUNT!
DIE KAPITALISIERUNG DER EIGENEN FRESSE.
DIE AUSBEUTUNG DES SELFMADELANDES.
Das emotionalste Projekt. Das krasseste Video. Das persönlichste Album. Das ehrlichste Buch. Alle verwirklichen immer ihren größten Lebenstraum. Und danach direkt den nächsten.
Wir nehmen euch mit. Twitter. Youtube. Insta-Stories. Wir reden über uns. Oder unsere Blase. Metaebene-Podcast, die verzweifelt versuchen, sich durch die Metaebene über die Ebene zu erheben. Sind wir der Journalismus von morgen? Ist der Print tot? Wer schaut noch TV? Lass mal ne Serie mit Netflix machen!
Was haben wir nicht immer „im Moment grad wahnsinnig viel zu tun“.
Wir ermahnen uns gegenseitig, auch mal Pause zu machen. Versichern uns, dass wir ja „nur noch bis wannauchimmer“ rocken müssen und wissen selber, dass nach „wannauchimmer“ eh „ichbindairgendwieinwasneuesreingerutscht-dakonnteichnichtneinsagen“ wartet. Haben wir ständig Ideen? Oder ständig Angst, was zu verpassen? Wer immer zu allem etwas zu sagen hat - hat der überhaupt etwas zu sagen? Und geht es wirklich noch ums Machen? Oder darum, zu zeigen, was man macht? Wer mehr Zeit mit dem Vermarkten des Machens verbringt, als mit dem Machen selbst - ist der noch ein Macher? Oder nur noch eine Selbstvermarkter? Und: Was machen eigentlich die anderen? Das muss man aufm Schirm haben! Wir schauen Abends Insta-Stories, die uns eigentlich nicht interessieren. Beschäftigen uns mit Menschen, die uns eigentlich egal sind. Liken Shout-Out-Fotos, die wir eigentlich peinlich finden. Aber eigentlich ist das ja nett gemeint. Eigentlich ist das für die Reichweite ganz gut. Eigentlich ist es doch ok, das Shoutout-Game mitzuspielen, wenn es einen weiterbringt. Eigentlich. Eigentlich ist inzwischen eine ziemlich flexible Angelegenheit.
EIGENTLICH MY ASS.
Eigentlich sind unsere Projekte auch ganz geil. Aber das Foto, von dem jetzt alle sagen, es sei Kunst und wir ein Genie - das ist eigentlich geklaut. Gab es schon mal. Vor einigen Jahren. Wissen wir eigentlich auch. Eigentlich. Das Buch, dass wir mit unserer Reichweite und Marketing-Budget auf die Bestseller-Listen gepusht haben, ist eigentlich ziemlich flach. Wissen wir eigentlich selber. Eigentlich. Aber wenn wir nur lang genug behaupten, dass wir eigentlich die Geilsten sind, dann glauben sie es uns. Und vielleicht glauben wir es uns ja auch selbst.
Der Körper mahnt mehr als die KollegInnen. Wer kann von uns eigentlich noch richtig schlafen? Ein Bandscheibenvorfall hier, Hautabfuck da - ein Wochenende heulend im Bett liegen oder in der Dusche zusammenbrechen? Morgens erst mal Blut spucken? Normal. Wir haben keinen Job. Wir haben uns. Wie macht man eigentlich Feierabend, wenn man selbst die Arbeit ist? Aber Arbeit ist das ja nicht. Das ist Leidenschaft. Und wir sind dankbar, dass wir so leben dürfen. 24/7. Immer.
Wie egozentrisch muss man sein, um sich immer mit sich selbst zu beschäftigen - und sich dennoch zu mögen? Und wie krank macht es, wenn man das nicht ist?
Höher. Weiter. Schneller. Viraler.
Alles immer wichtig. Und alles immer jetzt.
Wer hat den geteiltesten Post? Wer hat noch eine Meinung?
Wir sind depressiv. Manisch. Selbstzerstörerisch. Süchtig.
Sind wir das wegen der Kreativwelt?
Oder sind wir deswegen hier?
Lass mal lieber nichts in Frage stellen jetzt. Läuft doch so gut grade, mit der digitalen Selbstausbeutung.
Währenddessen geht irgendwas von uns viral.
Wir beteuern brav, wie dankbar und gerührt wir sind. Ohne die Community wären wir nix. Sie sind ein Teil von uns. Und wir alle ein Teil von etwas ganz einzigartigem. Wie einzigartig scheiße grenzüberschreitend die Community ist, das behalten wir mal besser für uns. Wer beißt schon in die Hand, die einen retweetet? Wer Community sagt, muss sich auch umarmen lassen! Wir sind es ihnen schuldig.
Wir sind cool. Ironisch. Und so witzig.
Aber auf gar keinen Fall rassistisch. Und sexistisch.
Das haben wir überwunden. Die Zeiten sind vorbei.
Wir feiern die weißen* Online-Männer nur, weil es ja keine Frauen gibt. Keine POC. In der Online-Blase. In der Musik-Welt. In der Kreativ-Branche. Klar, dass wir dann mehr weiße Männer liken, retweeten und feiern. Klar, dass dann die Festivals zu 99% aus männlichen und weißen Gigs bestehen. Klar, dass die weiblichen Onlinemenschen dann nerven, weil sie sich halt immer überall in den Vordergrund spielen müssen - aber schau dir mal diesen unfassbar talentierten männlichen Tausendsassa an. Wahnsinn, was der alles rockt! Lasst den mal pushen. Lasst den mal featuren. Und von Mann zu Mann im Podcast darüber sprechen, wie feministisch wir eigentlich alle sind - weil es uns ja wirklich egal ist, ob jemand einen Uterus hat, oder nicht.
Dass wir Backstage Frauen diskriminieren, klein-halten und anfeinden, schikanieren, mobben und verleumden. Ja. Gut. Doof. Aber bekommt ja keiner mit. Dafür sorgen wir schon. Solange wir jemanden kennen, der wen kennt, werden wir jede Kritikerin irgendwann mundtot machen.
WIR SIND ALLE ANDERS ALS DIE ANDERE!
Wir sind alle anders als die „InfluencerInnen, die nur Produkte bewerben“. Wir amüsieren uns über Sami und Bibi, während wir unsere eigene Fresse ausbeuten. Und so tun, als ob die Jobs und Aufträge, die wir bekommen, nichts mit unserer Instagram-Reichweite zu tun haben. Wir sind real. Wir sind ehrlich. Wir sind anders. Alle.
Unsere Namen sind ein Rabatt-Code beim Schönheitsarzt. Unsere Haltung eine Marketingstrategie. Aber das ist alles keine #Werbung. Das ist unsere Meinung.
Schaut her, unser Leben ist der Shit! Oder wahnsinnig ironisch. Wer arbeitet noch mehr? Wer ist noch kaputter? Wer ist die beste Punch-Line? Wer will noch mal - wer kann noch mehr? Swipet mal hoch! Fragt uns alles! Wir sind da ehrlich mit euch. Wir haben ja keine Lust auf den Fake-Zirkus. Wir haben uns schon lange selbst zu Äffchen gemacht.
Wir tanzen euch auf unsere Instagram-Manege unsere Beziehung vor, aber wie wir unsere Partner Backsage betrügen, das zeigen wir euch nicht. Wie wir Blut spucken, wahre Freunde verlieren, weil wir zu viel mit euch abhängen - das erzählen wir euch nicht. Es sei denn, da lässt sich irgendwas draus machen. Hashtagrelalife.
Wir zeigen euch unsere Kinder, wenn ihr das klickt. Ihr seid aber ja auch alle unsere Family. Teilt das mal, capturet das mal, markiert uns mal, liebe Online-Familie. Dann teilen wir die emotionalsten Reaktionen von euch auf unsere „Kunst“.
Schickt uns die mal!
Filmt euch beim Weinen!
Zeichnet unsere Gesichter!
Tätowiert unsere Namen!
Dann bleibt wenigstens irgendwas von uns für immer.