Hallo, ich bin Marie.
Einige kennen mich, weil ich früher viel Kunst im öffentlichen Raum gemacht habe und einen Ausstellungsraum im Flughafen Tempelhof kuratierte. Andere kennen mich, weil ich Musik mache. Wieder andere, weil ich mit meiner Firma eine Musik-Show produziere. Andere kennen andere Videos von mir. Oder haben mein Buch gelesen. Manche kennen mich, weil ich vor einigen Jahren - nach nur vier Monaten - meinen sehr sehr gut bezahlten Job als "Head of Creation" bei einem Youtube-Medienhaus namens Mediakraft fristlos kündigte, weil nichts von dem, was dort passierte, mit meiner Haltung zu vereinbaren war. Daraufhin haben so viele andere Menschen und Youtuber bei Mediakraft gekündigt, dass ich in der Szene als Auslöserin eines Aufstandes galt. Die einen haben mich dafür geliebt. Die anderen gehasst. Das passiert mir oft.
Ich bin oft ein bisschen zu laut. Ein bisschen zu viel. Und ein bisschen zu ehrlich. Ich hab ne klare Haltung und kenn da keine Kompromisse. Da ist die Grenze zwischen: "Die Alte geht mir tierisch aufn Sack!" und "Was ne engagierte, inspirierende geile Sau ist die Marie denn bitte?" eine heikle Geschichte.
Ein paar Beispiele.
Mit einigen WebvideoproduzentInnen gründete ich einen Verein. Kümmerte mich als 1. Vorsitzende um die Eintragung im Vereinsgregister und steckte wahnsinnig viel Zeit und Energie in die Kiste, weil sie mir wirklich am Herzen lag. Wir wollten nicht weniger, als die Webvideowelt zu einem besseren Ort machen - mehr Transparenz, weniger Sexismus, weniger Rassismus, weniger Diskriminierung. Eine Lobby gegen die Blackbox Youtube und den undurchsichtigen Algorithmus, der zu dieser Zeit eben jene mit Reichweite und Aufmerksamkeit zu belohnen schien, die Schleichwerbung und jede andere From von dubioser Bereicherung perfektionierten. Youtube drohte zu einem Clickbait-Werbe-Kindergarten mit sexistischer Verpackung und noch sexistischerem Inhalt zu werden und wir wollten verhindern, dass all die wirklich kreativen und aufrichtigen VideoproduzentInnen auf dieser Plattform untergehen - oder sich vom Webvideo-Genre distanzieren, weil der Kontext einfach nicht tragbar war. Leider blieb der Verein selbst ein uneingelöstes Versprechen. War quasi selbst ein großer Click-Bait - ohne viel Inhalt. Weil ein Verein einfach immer nur so gut ist, wie die Menschen, die sich für ihn engagieren. Und Engagement klingt halt immer sexy. Ist aber einfach Arbeit. Arbeit, auf die die wenigsten Vereinsmitglieder Bock hatten.
Wobei das nicht ganz fair ist. Vielleicht ist ein Verein auch nur so gut, wie die Idee, die ihn zusammenbrachte, auch wirklich die vereinende Idee ist - und nicht nur der Vorwand. Nicht nur ein Strohalm, an dem man sich festhalten kann. Oder besser: Eine Insel. Eine Insel auf die man sich rettet, wenn das Internet-Meer rauer wird. Und man das einfach nicht alleine durchstehen möchte.
Ich glaube, während ich und ein paar wenige andere im Verein wirklich die Vision hatten, mit geballter Reichweite für mehr Kennzeichnung, gegen Sexismus, Rassismus und alle andere Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung in der Webvideowelt zu kämpfen und bereit waren, auch wirklich dafür und daran zu arbeiten, suchten die meisten anderen einfach nur einen Ort, um nicht alleine zu sein. Die Mediakraft-Blase war gerade geplatzt und die Abendessen an meinem langen Tisch waren der Moment, an dem alle zusammen kamen. Gemeinsam darüber nachdachten, wie es weiter geht. Und darüber diskutieren, wie es weiter gehen sollte.
Diese Soirees waren die Geburtsstunde des Vereins 301+. Und sie waren auch lang das Zuhause von 301+. Sehr viel später erst ist mir klar geworden, dass ich Menschen inspirieren und vereinen kann. Dass ich sie anstecken kann mit meinen Visionen. Meine Vision für den Verein war, gemeinnützig und ohne die unmenschliche Profitmaximierung, aus der wir uns gerade befreit hatten, Verantwortung zu übernehmen und eine offene Bewegung anzustoßen für die ganze Branche. Die Vision klang gut. Kam zum richtigen Zeitpunkt. Und wurde entsprechend gefeiert. Ich habe viel zu spät erkannt, dass die meisten im Verein eigentlich überhaupt kein Interesse an der Vision hatten, sondern einfach nur angesteckt waren, von meiner Euphorie und dem richtigen Augenblick. Die Vision geteilt haben die wenigsten. Mehr noch, war sie für einige sogar das komplette Gegenteil, von ihrem Interesse. Sie wollten eine elitäre geschlossene Gruppe, die sich gegenseitig unterstützt und um jeden Preis Gewinnmaximierend arbeitet - Kooperationen und Produktplatzierungen bündelt und Kennzeichnungen maximal gering hält. Von Themen wie Sexismus und Co wollten die meisten überhaupt nichts wissen, was auch damit zu tun hatte, dass einige unter den Mitglieder von sexistischen Inhalten und Strukturen profitierten - und daran auch festhalten wollten. Lange habe ich das alles nicht sehen wollen. Und für meine Vision gekämpft, als wäre es unsere. Der Grenze zwischen SCHAU, ICH BIN DER INTERNET-MESSIAS, FOLGE MEINER VISION und LASST UNS GEMEINSAM DIE WELT VERBESSERN ist schmal. Und in meiner Blindheit hab ich sie oft überschritten. Wer bin ich schon, anderen meine Vision aufzudrängen? Wer bin ich schon, meine Vision als Wahrheit zu definieren? Während das, wogegen wir kämpften, mitten unter uns weiter passierte. Sexismus, ungekennzeichnete Kooperationen und Ausgrenzungen. Ich hätte das einfach viel früher checken müssen - und erkennen sollen, dass uns nur der richtige Augenblick und meine Überzeugungskraft vereinte. Nicht aber ein gemeinsames Interesse. Das hab ich nicht. Oder erst sehr spät. Und bis heute hat mir das viele Nächte gedankenvolle Nächte beschert.
Nach einer dieser Nächste habe ich diesen Verein verlassen. Auch dafür gab es wieder sehr viel Liebe. Und sehr viel Hass. Ein Schwarz-Weiß-Der-Online-Gefühle.
Hab ich auch erlebt, als ich zur ersten Academy-Präsidentin des Deutschen Webvideo Preises ernannt wurde. Den meisten wurde wohl erst klar, wie sehr ich mich für die Unbeeinflussbarkeit des Preises eingesetzt habe, als ich nicht mehr da war. Als einige Aluhütchen-Theorien mit den Fakten abgeglichen wurden. So kam hier erst der Hass. Die Liebe - und auch die ein oder andere Entschuldigung - kamen dann etwas nachgelagert. Als ich das Amt niederlegte, nach der Gala, für die ich gemeinsam mit zwei Menschen, die ich sehr gerne mag: Christin Huber und Manuel Meimberg und den RocketBeans die Moderation für den Gala-Abend geschrieben hatte.
Ich engagiere mich seit Jahren für transparente Kennzeichnung von Werbung im Netz. Mal öffentlich laut - mal auf direktem Weg privat. Und ich sag mal so, jemand der sich öffentlich gerne als ehrlicher Journalist oder als transparente Bloggerin feiert, hört einfach nicht so gern, dass das leider ziemlicher Bullshit ist. Vor allem nicht, wenn er weiß, dass man Recht hat und der ganze Bullshit auch derbe einfach nachzuweisen ist. Vieles hat sich in der Szene bewegt. Einige haben sich aufrichtig geändert, haben an alternativen Finanzierungsmodellen und anderen Inhalten gearbeitet - und tun dies noch heute. Andere bullshiten noch immer heimlich vor sich hin, haben mich für meine Arbeit aufrichtig gehasst - und tun dies noch heute. Wie auch einige YoutuberInnen, die ich als Sexisten beschrieben habe, als ich einen Gastbeitrag für Broadly schrieb. Der ging ein bisschen viral - und wieder gab es - zwischen sehr viel whataboutism - ein bisschen viel Liebe und ein bisschen viel Hass.
Viele haben mich danach gefragt, ob ich nicht Kolumnen für sie schreiben möchte. Über dieses ganze Internet-Theater. Und das Drama hinter den Kulissen. Aber das wollte ich nicht. Und will ich auch immer noch nicht. Dieses Drama ist nicht das, womit ich mich in meinem Leben beschäftigen möchte. Ich hab ihm ohnehin schon viel zu viel meiner Zeit geschenkt.
Das liegt auch daran, dass ich nicht gut nein sagen kann. Und daran, dass ich mich für viel begeistere. Ich rutsche in Projekte so rein, liebe es, Dinge selbst zu machen - und frage mich dann manchmal nach 24/7 Arbeit-Punk-Rock, wie zum Fick ich mal wieder in diese Situation gekommen bin. Die Antwort ist eigentlich immer, dass es mir mal wieder nicht in den Sinn kam, dieses Nein.
So habe ich meine letzten Jahre mit viel JA verbracht.
Bis ich eines morgens um 05.00h aufgewacht bin. Ich bin aufgewacht und habe Blut gespuckt. Da wurde mir klar, dass ich nicht alles machen kann, nur weil ich es kann. Dass auch mein Tag nur 24 Stunden hat und ich überlegen muss, was ich mit dieser Zeit machen möchte - und ich möchte mich in dieser Zeit nicht mehr mit dem Internet-Drama beschäftigen. Ich hab die letzten 8 Jahre viel Zeit damit verbracht, das Theater mitzuspielen. Hab versucht, es mitzugestalten. Und versucht, ne kleine Kulturrevolution anzuzetteln. Die meiste Kraft ging aber für irgendwelche Nebenschauplätze drauf. Für klickgeile weiße Männer-Egos. Und gekränkte Diven. Dabei wollte ich eigentlich immer nur geilen Scheiß machen, hab das Internet als einen öffentlichen Raum für Kunst verstanden - für Gesellschaft und das Verhandeln ihrer Werte.
Es wird schnell geliebt, in dieser Online-Welt. Und schnell gehasst. Ich finde beides ein bisschen befremdlich. Ich habe gesehen, wie Menschen sich verändern, wenn sie von Millionen Menschen "geliebt" werden. Es hat keinen zu einer angenehmeren, besseren - oder inspirierenderen Version ihrer selbst gemacht. Und ich hab gesehen, wie Menschen sich verändern, wenn sie von Menschen "gehasst" werden. Wie mehr und mehr AktivistInnen twitter verlassen, ihre Profile privat stellen - oder einfach offline gehen. Ich merke, wie ich mich auf meiner ehemaligen Lieblingsplattform nicht mehr wohl fühle oder einfach nur langweile. Facebook ist schon lang nicht mehr ertragbar, Youtube und ich haben ja eh eine sehr konfliktreiche Beziehung und auch sonst frag ich mich, wo es online noch einen wirklich Bullshit-freien Ort gibt, der irgendwie relevant ist.
Ich weiß schon, dass das jetzt alles semi-euphorisch klingt. Ist es auch. Ich find das Social-Internet grad semi-geil. Aber muss ja auch nicht immer alles geil sein. So scheiße, dass es nicht weitergeht, ist es auch nicht.
Es bleibt ein öffentlicher Raum, dieses Internet. Und wenn das Theater und die Nebenschauplätze, die Egos und die Algorithmus-Fabrik an anderen Orten zu groß werden, erobert man sich halt neue. So wie diesen hier. Für Geschichten jenseits des Internet-Dramas.
NIE WAR MEHR ANFANG ALS JETZT.
mal wieder.