Vor zwei Wochen stand ich vor meinem Bücherregal. Vor lauter Arbeit war keine Zeit, neue Urlaubslektüre zu besorgen. Vor lauter Arbeit war in letzter Zeit ohnehin Zeit für gar nichts. Die letzten Monate waren zu viel. Nicht wie immer. Sondern wirklich. ZU VIEL. Ein ZU VIEL, dass einen mitten in der Nacht aufwachen und Blut spucken lässt. Ein ZU VIEL, dass einem die eigene Endlichkeit wie eine Warnung entgegen ballert. Und einen fragt, ob das Leben so weitergehen soll. Ich hatte noch keine Antworten, aber ich wusste, irgendwas wird dieses ZU VIEL für immer verändern.
Ich stand also vor meinem großen Schrank voller Bücher - und kratze mich am Bauch. Manchmal weiß man, dass man etwas ganz bestimmtes sucht. Etwas ganz bestimmtes braucht. Nur was, das weiß man nicht. Bis man es sieht. Was ich sah - und wusste, dass es mein ganz bestimmtes ist - war Christine Nöstlinger.
Wie hab ich diese Frau in meiner Jugend gefeiert. Jedes ihrer Bücher verschlungen. Bin morgens müde in die Schule, weil ich nachts einfach nicht aufhören konnte zu lesen. Hab nen kiloschweren Schulranzen mit mir rumgeschleppt, weil ich ohne Gretchen Sackmeier, Maikäfer Flieg oder Nagle einen Pudding an die Wand gar nicht erst aus dem Haus bin. Im Bus. In der Pause. In langweiligen Schulstunden. In meiner Kindheit und Jugend. Christine Nöstlinger hat mich begleitet. Und geprägt.
Keine Ahnung, warum ich mir 15 Jahre später aus heiterem Himmel sicher bin, dass das genau das ist, was ich jetzt lesen muss. Jahrelang standen sie rum, die Nöstlinger Werke. Nicht vergessen. Aber auch nicht präsent. Auf einmal ist alles wie früher. Und mein Reise-Rucksack voller Geschichten aus meiner Jugend.
Hier in Frankreich bin ich also wieder eingetaucht. In die Nöstlinger-Welten. Anders als früher hab ich aber auch alles andere verschlungen, was ich von ihr finden konnte. Lag am Meer mit Interview-Podcasts von ihr auf dem Ohr. Verfolgte ihren Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Ich hörte ihr dabei zu, wie sie erst mit 34 anfing zu schreiben - weil sie sich langweilt als Hausfrau und Mutter. Und ein Kinderbuch zeichnete: „Die feuerrote Friederike“. Die Geschichte entsteht eher nebenbei. Weil sie die für die Zeichnungen braucht. Doch für die interessiert sich später keiner, für die Geschichte aber schon.
Ohne es zu merken. Inmitten meines ZU VIELs. Gibt mir all das irgendwie Kraft. Es macht mir irgendwie Mut. Die Frau, die über 150 Bücher schrieb, kitzelt etwas in mir wach: Ich schreibe wieder.
Das ZU VIEL der letzen Zeit hat auch die Zeit zu schreiben verschluckt. Und ich merke, wie sehr es mir gefehlt hat. Das, was mich immer antrieb. Und immer begleitet hat: Das Schreiben. Ich schreibe. Und schreibe. Am Meer. Am Pool. Am Wasser. Ich denke nicht, Ich schreibe und schreibe. Und frag mich, ob es das ist, was dieses ZU VIEL für immer verändern wird. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit. Für weniger Online. Und mehr Geschichten. Mehr Bücher?
Und während ich mich noch frage, was die Schreiberei und ich und dieses ZU VIEL mit der Zukunft vorhaben - da höre ich, dass gestern bekannt wurde, dass Christine Nöstlinger verstarb. Und auch wenn ihr Tod absolut gar nichts mit mir zu tun hat, fühlt sich der Zeitpunkt irgendwie verrückt an. Da hab ich jahrelang nicht an die Heldin meiner Jugend gedacht - und ausgerechnet jetzt, in meiner Christine-Nöstlinger-Sommer-Schreib-Blase, da stirbt diese Frau, die mich damals wie heute inspirierte. Es berührt mich.
Ich hab noch immer keine Antwort. Auf die Frage nach der Zukunft und der Schreiberei und dem ZU VIEL. Ich weiß, dass ich schreiben muss. Dass ich einen Ort brauche, weit weg vom ZU VIEL. Und sehr nach am Wasser. Ich hab Angst und Zweifel. Ich weiß nicht, wie es weiter geht. Aber ich fühle mich auch befreit. Ich hab viele Fragen und wirklich absolut keine Antworten. Aber wenn ich es mir recht überlege - mit Christine Nöstlinger im Sinn - dann brauch ich die auch nicht. Weil ja, dann weiß man halt mal nicht genau, wie es im Leben weitergeht. Das wussten meine JugendbuchheldInnen auch nicht. In Nöstlingers Büchern war nie immer alles gut. Und vieles zu viel. Aber so schlecht, dass es nicht weitergeht, war es nie.
Also schreib ich weiter. Sag Christine in Gedanken „Danke für alles und Adieu“. Freu mich über die Gewissheit, dass sich Dinge für immer ändern. Und, dass es weitergeht.
Nie war mehr Anfang als jetzt. Mal wieder.